top of page

Katharina Bürgin: Kalifs Kissen (oder Generalife)

In der 1. Staffel der Ausstellung «Luxese – Textilkunst zwischen Luxus und Askese“ im Museum Kloster-Muri ist unter anderem das Werk «Kalifs Kissen / Generalife» von Katharina Bürgin ausgestellt. Die Schaffhauser Künstlerin hat mit diesem Objekt schon einen langen Prozess durchlaufen – vergleichbar mit unserem mäandrierenden Lebensweg. Wir suchen eine Lebensform, entscheiden uns für etwas, sind vielleicht im Moment zufrieden. Aber dann hinterfragen wir doch wieder, verändern, suchen andere Möglichkeiten. Das Leben bringt immer wieder neue Herausforderungen – so wie die Arbeit an einem Kunstprojekt!

 

Zuerst war der Kubus Teil der grossen Installation «Gartenarbeit»: Ein riesiges Bild spannte sich quer durch den Raum, darauf ein üppiger Garten, Blumen, Gräser, Zweige – eine zauberhafte Welt. Davor hingen sechs «Blumenbeete», noch ganz asketisch in weiss, aber bereit, in den schönsten Farben zu blühen. Auf die sechs mit Polyesterfolie bespannten Holzkonstruktionen hatte Katharina Bürgin mit Schellack Blumenornamente gezeichnet. Die Installation war Ausdruck ihrer grossen Liebe zur Natur. Der Garten ist ihr wichtig, das Herausspüren, was die Pflanzen brauchen, die Fürsorge, das Hegen und Pflegen.

 

Später nahm die Künstlerin eines der Objekte heraus und legte Acrylfarbe über die schon vorhandene Zeichnung. Wie in der islamischen Kunst, im maurischen Stil, verflochten sich Linien zum kunstvollen, mathematischen Muster. Nun stand der Kubus als Solitär im Raum und erinnerte an ein Kissen, auf dem sich der Kalif zum Nachmittagskaffee niederlässt.

Aber dann erschien es der Künstlerin doch zu bunt. Die maurischen Elemente dominierten zu stark, und das florale Muster war nur noch ganz zart sichtbar – allzu zart.

Katharina Bürgin griff wieder zur weissen Farbe und bemalte den Kubus stellenweise. Das Ergebnis befriedigte nicht: Das Objekt erschien zu geschlossen, fast unzugänglich für den Betrachtenden, wie ein Haus mit geschlossenen Fensterläden.

 

Also «zeichnete» die Künstlerin Teile der maurischen Ornamente mit Stecknadel-Löchern nach. Sorgfältig steckte sie Nadel um Nadel in die Polyesterfolie, geduldig, meditativ sucht sie ihren Weg auf dem Muster. Welche Formen, Linien wollte sie auszeichnen? Welche ohne Löcher belassen?

Normalerweise werden Stecknadeln dazu verwendet, den Stoff beim Nähen zu fixieren. Sobald die Naht sitzt, entfernt man sie wieder. Katharina Bürgin lässt sie als Statement stecken. Sie nicht zu entfernen, sondern als Akteure zu belassen, gefällt ihr. Damit zeigt sie, dass die Stecknadeln nicht nur Nebendarsteller sind, auf dem Werdegang des Objekts eine wesentliche, aktive Rolle spielten. Sie dokumentieren einen Teil des Weges, den Katharina Bürgin mit «Kalifs Kissen» gegangen ist: Ein Weg zwischen Luxus und Askese.

 

Die Nadeln haben den Kubus verletzt, geben ihm aber auch einen Mehrwert. Die Nadelmusterung erinnert an die Nieten in der Leder- oder Jeansmode und verleiht dem Objekt Individualität und Spannung. Der Silberglanz der Stecknadeln macht den Kubus kostbar, die Löcher geben ihm eine neue, vielschichtige Tiefe. Nun ist er durchscheinend und gibt Einblick ins Innere.

Katharina Bürgin sagt, es sei ein Luxus, sich lange Zeit mit einem Objekt, zu beschäftigen, es immer wieder zu wandeln und anzupassen. Andererseits ist es auch ökonomisch (asketisch), längere Zeit bei einer Arbeit zu bleiben, sie zu entwickeln, ohne die vorherige Version beibehalten zu wollen.

 

Text: Christine Läubli und Katharina Bürgin

Fotos: Katharina Bürgin

 

Infos:


Luxese – Textilkunst zwischen Luxus und Askese

1. Staffel (historisch referenzierend)

29. März bis 20. Juli 2025

Markstrasse 4

5630 Muri

 

Öffnungszeiten: Di – So 11 bis 16 Uhr, ab 1. April bis 17 Uhr


(Siehe auch Blog vom 2. März und Blog vom 9. März 2025)

 

Die 2. Staffel (9. August – 2. November 2025) zeigt die Textilkunst als Ausdruck gesellschaftlicher Relevanz in Gegenwart und Zukunft, als Forschungsfeld und wichtigen Beitrag zum Diskurs um Ressourcenknappheit und Konsumverhalten.

 

 
 
 

Comments


bottom of page